Navigation
· Home
· Topics
· Downloads
· Links
· Search


Naziaufmarsch in Dessau smashen – Gegen Geschichtsrevisionismus und Antisemitismus
Posted Feb 24, 2005 - 04:34 PM


>>>> Dessau – ein Ort mit antisemitischer Tradition <<<<

Dessau entwickelte sich, trotz mangelnder Infrastruktur und einer recht ungünstigen geographischen Lage, vor 1933, aber auch danach, zu einem bedeutenden ideologischen und verwaltungstechnischen Zentrum der Nationalsozialisten.

Im damaligen Land Anhalt dominierte die NSDAP bereits 1932 den Landtag. Bei den entsprechenden Wahlen im April 1932 wurde die NSDAP mit 15 Mandanten (vormals gerade 1 Mandat) stärkste Fraktion. 6 der 15 Mandatsträger kamen dabei aus Dessau. Die NSDAP stellte zudem mit Alfred Freyberg den Ministerpräsidenten in einer Koalitionsregierung. Später wurde Dessau gar Gauhauptstadt, obwohl der Gau offiziell „Magdeburg-Anhalt“ hieß und Sitz eines Reichsstadthalters. Diese Entwicklung war nur möglich, weil es bereits in den 1920iger Jahren gut funktionierende völkisch-nationalistische Strukturen gab und einen praktizierten Antisemitismus.

Einer der Kulminationspunkte für antisemitische Hetze und Propaganda war der so genannte Kristallpalast, der heute noch als Ruine in der Zerbster Strasse existiert. Bereits 1924 hielt der Weltkriegsveteran und Teilnehmer am Hitlerputsch in München (1923), General Erich Ludendorff, dort vor ca. 2000 ZuhörerInnen eine Rede. Ludendorffs Popularität in radikal- völkischen Kreisen sorgte dafür, dass der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt war. Ludendorff bediente in seiner Propaganda, die durch antisemitische Stereotype und Schmähungen gekennzeichnet war, genau jene völkisch-nationalistischen Kreise, die sich auch in Anhalt seit Jahren fest etabliert hatten.

Der organisierte Antisemitismus in Dessau ist aber noch viel älter und mit der Gründung einer Ortsgruppe des „Deutschen Reformvereines“ im Jahre 1891, ziemlich genau zu datieren. Diese Vereinigung warb bereits Jahrzehnte vor den Nationalsozialisten in den lokalen Medien mit Anzeigen, die ausdrücklich darauf hinwiesen: „Juden haben keinen Zutritt.“ Der Reformverein rekrutierte sich maßgeblich aus Mittelständlern und stand in Dessau lange Zeit unter der Führung des bekannten Automobilbau-Pioniers Friedrich Lutzmann.
Im Jahre 1923 gründete sich in Halle/Saale die paramilitärisch ausgerichtete und antisemitisch orientierte Gruppe „Wehrwolf“ (WW). Auch für Dessau und für den heutigen Landkreis Köthen (Prosigk) sind entsprechende Zusammenkünfte und Aktivitäten der Organisation belegbar. Der WW stellte zweifellos einen der wichtigsten Bausteine der antisemitischen Infrastruktur in der gesamten Region dar.

Als der informelle Treffpunkt in Dessau für antisemitische Aktivitäten schlechthin, fungierte die Gaststätte „Schwarzer Adler“ in der Steinstrasse. Die Kneipe war Stammlokal der Dessauer Ortsgruppe des Deutschen Handlungsgehilfen-Verbandes (DHV), einer reichsweiten Gewerkschaft für Kaufmännische Angestellte. Der DHV verstand sich per Selbstdefinition als „völkischer und nationaler Kampfbund“ mit dem Ziel, die Juden als wirtschaftliche Konkurrenten auszuschalten. Konsequenterweise wurde schon im Gründungspapier des antisemitischen Verbandes fixiert, dass Juden unmöglich Mitglieder werden könnten. Der eigene Verlag des DHV trat zu dem als Publikationsplattform für antisemitische Veröffentlichungen und Unterstützer judenfeindlicher Veranstaltungen überregional in Erscheinung.  
Im Lokal „Drei Kronen“ gründete sich zudem im September 1923, anfänglich aus gerade einmal 5 Mitgliedern bestehend, die Dessauer Ortsgruppe der NSDAP. Ende der 1920iger Jahre war der Kristallpalast mit seiner Kapazität von 2000 Leuten gerade noch groß genug, um bei Saalveranstaltungen der örtlichen Nazipartei ausreichend zu sein.

Das Dessau für die Nationalsozialisten nicht irgendein unbedeutender Fleck auf der Landkarte war, zeigen zahllose Veranstaltungen im Kristallpalast mit hochrangigen Funktionären innerhalb der Parteihierarchie.
1928 sind u. a. Gregor Strasser (SA-Führer) und Fritz Sauckel (später Gauleiter in Thüringen und Reichsbevollmächtigter für die Fremdarbeiter) im Kristallpalast zugegen. Im darauf folgenden Jahr kommen der spätere Reichskirchenminister Hanns Kerrl und der Gauleiter Groß-Münchens, Adolf Wagner, nach Dessau. Anfang Januar 1930 war der spätere Leiter der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, zu hören. Am 05. Februar 1930 trat der kommende Reichspropagandaminister, Joseph Goebbels, vor einem überfüllten Saal auf. Und am 31. Oktober 1931 schließlich, just am Vorabend der anstehenden anhaltischen Kommunalwahlen, nahm Adolf Hitler stehende Ovationen in Empfang. Hitler sprach am 23. Juli 1932 nochmals in Dessau, diesmal allerdings unter freien Himmel. Der Kristallpalast reichte für die Zigtausenden von Nazianhänger in Dessau längst nicht mehr aus.

Der zweite Gauleiter und Reichsstadthalter in Dessau, Friedrich Wilhelm Loeper, war zu dem ein enger Vertrauter Hitlers und bereits am Putsch in München (1923) aktiv beteiligt. Es ist nicht auszuschließen, dass die übergeordnete Bedeutung Dessaus zum Teil einer persönlichen Präferenz Hitlers an seinen engen Kampfgefährten aus alten Tagen geschuldet war. Solche Gefälligkeiten waren im korrupten politischen System des Nazireiches durchaus an der Tagesordnung.  Zur Beerdigung Loepers im Oktober 1935, war eine Ansammlung von Naziprominenz in Dessau, die in einer solchen Konzentration kaum wieder im III. Reich angetroffen wurde. Hitler persönlich hielt die Grabrede, alle Gauleiter nahmen ebenso an der Zeremonie teil,  wie Goebbels, Heinrich Himmler und hohe Wehrmachtsoffiziere. Die Bedeutung Dessaus für die deutsche Rüstungsindustrie und die räumliche Nähe zum Chemiestandort Wolfen/Bitterfeld sind weitere Faktoren, die nicht zu vernachlässigen sind.

Am 01. April 1933 erging der erste öffentliche Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte, Arztpraxen und Handwerkerbetriebe. Am 09. November brannte auch in Dessau die Synagoge und der israelitische Friedhof wurde geschändet. Nachdem alle in Dessau verbliebenen Juden in einer Tageszeitung mit Namen und Adressen, ein fast offener Pogromaufruf, veröffentlicht wurden, folgten Plünderungen und Zerstörungen jüdischer Geschäfte.

>>>> Dessau – keine unschuldige Stadt <<<<

Am 07. März 1945 griffen alliierte Bomberverbände Dessau an. Die Stadt an der Mulde war nicht nur ein Zentrum der Nazi-Rüstungsindustrie, in der die Junkers-Werke für die verbrecherische deutsche Wehrmacht u. a. Kampfflugzeuge und Munition produzierten. Auch war sie Hauptproduktionsort des Giftgases Zyklon B. Mit dem Giftgas ermordeten die Nationalsozialisten industriell Millionen Menschen, vor allem Juden und Jüdinnen, in den Vernichtungslagern. Tausende von ZwangsarbeiterInnen aus ganz Europa mussten unter unmenschlichen Bedingungen in den Betrieben Sklavenarbeit verrichten.

Im Gegensatz zur deutschen Zivilbevölkerung wurde den ZwangsarbeiterInnen bei Luftangriffen der Zugang zu Luftschutzräumen verwehrt. Entsprechend viele Menschen kamen deshalb bei den Angriffen ums Leben. Sie waren Opfer, aber nicht etwa der alliierten Bombardierungen, sondern solche der fanatischen Volksgenossen. Einigen gelang, begünstigt durch das Chaos der Kriegshandlungen, die Flucht aus den Lagern.

>>>> Der deutsche Opfermythos – Nicht nur ein Wanderzirkus für Nazis <<<<

Es verwundert kaum, dass die Nazis von der NPD bis zu den Freien Kameradschaften, gerade zum 60. Jahrestag der militärischen Niederlage Deutschlands mit einer regelrechten Opfermythoskarawane durch das deutsche Land ziehen. Die Großaufmärsche in Magdeburg (Januar) und Dresden (Februar) stehen für diese Kampagne inhaltlich genau so, wie die Demonstration am 12. März in Dessau und die geplante NPD-Aufmärsche am 07. Mai in Berlin und am 8.Mai in Delitzsch. Doch ohne eine gesamtgesellschaftliche Disposition wäre es der relativ marginalisierten Naziszene niemals gelungen, das Thema in den öffentlichen Diskurs zu platzieren.

Der Aufschrei nach dem Skandal im Sächsischen Landtag konnte größer kaum sein. Reflexartig kamen Forderungen nach einem NPD-Verbot oder wahlweise einer Verschärfung des Versammlungsgesetzes auf die Tagesordnung. Dies nicht mehr als hilflos kaschierte Versuche, um die eigenen Mythen, Legenden und Verdrängungsneurosen, nicht mit den Schmuddelkindern von Rechts teilen zu müssen. Im Verständnis der Bürgergesellschaft ist es durchaus legitim, den „Opfern des Bombenkrieges“ zu gedenken und die „Schuld der Vertreibung“ anzusprechen. Kaum eine deutsche Gemeinde, in der in diesem Jahr keine Gedenkveranstaltungen, Seminare, Trauerfeiern und Gottesdienste anlässlich der Bombardierungen stattfinden.

Doch das Konstrukt Opfermythos hat in den letzten Jahren in Deutschland nicht nur eine Dynamik erfahren, sondern auch einen qualitativen Wandel. Unter dem Motto: „Nie wieder!“ bietet es sich neuerdings regelrecht an, in Halbsätzen und sozusagen der Vollständigkeit halber, auch die Opfer des nationalsozialistischen Terrors zu erwähnen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, alles war im Krieg irgendwie schlimm, die historisch definierten Kategorien Opfer und Täter haben sich wie von Zauberhand aufgelöst und fertig ist sie: die deutsche Kollektividentität ohne braune Flecke auf der Weste.

more infos: AG Operation Taschentuch


Home ::